Digitalisierung in der Supply Chain - Trends und Anwendungsfelder in der Branche der Antriebstechnik des Maschinen- und Anlagenbaus

Leonard Overbeck, Dardan Baralija, Rainer Silbernagel, Hartmut Rauen, Jürgen Fleischer und Gisela Lanza

Robuste und resiliente Lieferketten (engl. Supply Chain) bilden mehr denn je einen kritischen Erfolgsfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit produzierender Unternehmen. Höhere Komplexitäten und steigende Dynamiken in Folge von Megatrends wie der Globalisierung, Nachhaltigkeit und Individualisierung sowie sich häufende Disruptionen stellen heutige Lieferketten dabei auf die Bewährungsprobe. Insbesondere die mittelständisch geprägte Branche der Antriebstechnik im Maschinen- und Anlagenbau mit ihren globalen Lieferketten und hohen Kundenanforderungen steht vor diesen Herausforderungen. Zielgerichtete Digitalisierungsinitiativen sind dabei entscheidend für ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Der vorliegende Beitrag analysiert daher die gegenwärtigen Digitalisierungsvorhaben der Branche der Antriebstechnik, um relevante Trends und Anwendungsfelder zu identifizieren. Hierzu werden aus dem Zielbild der Branche für höhere Resilienz/Flexibilisierung, höhere Transparenz und mehr Nachhaltigkeit entlang der Supply Chain relevante Handlungsfelder synthetisiert. Diese geben eine fundierte Orientierungshilfe für mittelständische Unternehmen und ihre Digitalisierungsstrategien.

Die VUCA-Entwicklungen, wie steigende Volatilität, zunehmende Unsicherheit, höhere Komplexität und vermehrte Ambiguitäten, beschreiben die gegenwärtigen Entwicklungen für die Supply Chain [1]. Exemplarisch sind die Covid-19-Pandemie, erhöhte regulatorische Anforderungen und die erschwerte Materialversorgung als gegenwärtige Treiber zu nennen. Ein Megatrend, der sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance für die Supply Chain darstellt, ist die Digitalisierung. Für die Branche der Antriebstechnik und die Weiterentwicklung ihrer Lieferketten lautet die zentrale Fragestellung daher: Welche Möglichkeiten eröffnet die Digitalisierung, um Lieferketten in Zukunft resilienter zu gestalten? Der Fachverband Antriebstechnik im VDMA unterstützt seine Mitglieder mit dem Leitfaden „Antriebstechnik 4.0: Digitalisierungstrends für Produkt, Produktion und Lieferkette“ bei der Ideengenerierung und Implementierung. Flankiert wird dieses Instrument zudem durch Inhouse-Workshops, die gemeinsam mit dem wbk Institut für Produktionstechnik und dem Maschinenbau-Institut des VDMA (www.maschinenbau-institut.de/beratung/umsetzungsbegleitung-zum-leitfaden-antriebstechnik-40) angeboten werden. Das Ziel ist es, Digitalisierungsprojekte zu analysieren und Hilfestellung für die Umsetzung zu geben. Der vorliegende Beitrag analysiert hierzu in fokussierter Form übergeordnete Trends und Anwendungsfelder für die Lieferkette.

Methodisches Vorgehen

Zur Identifikation der Trends und Anwendungsfelder wurde aufbauend auf einer Literaturanalyse ein empirisches Forschungsdesign aus semistrukturierten Experteninterviews und einer Umfrage unter Experten der Branche der Antriebstechnik entwickelt. Auf diese Weise konnten die identifizierten Anwendungsfelder von Industrie 4.0 im Kontext der Supply Chain in konkrete Ansätze, Treiber und Technologien aufgeschlüsselt und bzgl. ihres gegenwärtigen Implementierungsgrads und ihrer zukünftigen Relevanz bewertet werden. Unter den Teilnehmern der Experteninterviews (p = 29; im Beitrag anonymisiert durch U-Kürzel gekennzeichnet) befanden sich Vertreter auf Managementebene aus 21 Unternehmen und weitere acht Experten aus den Reihen von Unternehmensverbänden und Forschungsvereinigungen der Branche der Antriebstechnik im Maschinen- und Anlagenbau. An der anschließenden Umfrage nahmen 16 Unternehmen (n = 16) der Branche der Antriebstechnik teil. Die Auswertung der empirischen Studien erfolgte zum einen durch eine strukturierte Inhaltsanalyse der Experteninterviews und zum anderen durch eine deskriptive Auswertung der Umfrage.
 


Bild 1: Branchenbild zu implementierten und geplanten Ansätzen
im Rahmen von Kollaboration und Partnerintegration.

Trends und Ziele für die Digitalisierung der Supply Chain

Die Kernaufgaben des Supply Chain Managements betreffen die Prozesse der Versorgung, Entsorgung und des Recyclings [2]. Zentrale Motivation und Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit durch Effizienz und Effektivität in diesen Wertschöpfungsprozessen zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmung aufrechtzuhalten [3, 4]. Als Zielsystem kann die Maximierung des Kundennutzens bei gleichzeitiger Minimierung der Kosten für die Sicherung dieser Wettbewerbsfähigkeit betrachtet werden [5, 6]. Es richtet sich demnach in seinem Zielverständnis nach den drei Prinzipien der Kundenund Wettbewerbsorientierung, Prozessorientierung und ganzheitlichen Betrachtung [6]. Zentraler Befähiger, um das eigene Unternehmen auf diese Ziele auszurichten ist die Digitalisierung im industriellen Kontext. Technologien und Entwicklungen der vierten industriellen Revolution „Industrie 4.0“ umfassen dabei die Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung über gesamte Wertschöpfungsketten („Supply Chains“ im Verständnis des vorliegenden Beitrags) [7, 8].

Die Experteninterviews und die Umfrage geben einen Überblick über das Verständnis und die priorisierten Anwendungsdimensionen der Digitalisierung in der Branche der Antriebstechnik. Die große Mehrheit der Unternehmen hat die Digitalisierung als festen Bestandteil in ihrer Unternehmensstrategie verankert und definiert diese zur internen und externen Kommunikation in Leitsätzen, die sich in Digitalisierungsprojekten konkretisieren. Die mit der Digitalisierung der Supply Chain am häufigsten assoziierten Begriffe sind höhere Flexibilisierung, höhere Transparenz, stärkere Vernetzung und damit einhergehend stärkere Kollaboration entlang der Supply Chain (z. B. U6, U16, U19, U20). So bedeutet die Digitalisierung der Supply Chain für U16, dass in Echtzeit nachverfolgt werden kann, wo sich bestellte Waren befinden und wann diese den nächsten Knoten im Wertschöpfungsnetzwerk erreichen. Das Ziel ist es, dies durchgängig, also als „End-to-end“-Lösung für die Supply Chain zu realisieren (U16). In der Umfrage priorisiert die Branche damit übergeordnet höhere Transparenz (für über 90 % in den Top 3 der wichtigsten Trends), höhere Resilienz und Flexibilisierung (> 60 %; Top 3), sowie mehr Nachhaltigkeit (> 30 %; Top 3) als Trends und Zielbild für die Gestaltung der Supply Chain. Um diesen Trends zu begegnen, sind verstärkte Kollaboration/Partnerintegration, Logistikprozesse und die Supply Chain aus Sicht von Nachhaltigkeitsaspekten priorisierte Industrie 4.0 Anwendungsfelder der Unternehmen. Neben diesen Anwendungsfeldern bildet Industrie 4.0 als Basisbefähiger für u. a. digitale Datenverarbeitung und konsistente Daten- und Informationsflüsse ein wichtiges grundlegendes Entwicklungsfeld für alle befragten Unternehmen.

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