Disruptive Veränderungen – Chancen und Herausforderungen Interview mit Dr. Detlef Gerst, Ressortleiter in der Vorstandsverwaltung der Industriegewerkschaft Metall, Frankfurt

Welche Technologien werden durch die IG-Metall als disruptiv betrachtet?

Disruptiv ist Technik, wenn sie zu grundlegend neuen Geschäfts-modellen, Produkten und Produktionskonzepten führt. Dabei kommt es nicht allein auf die Technik an. Disruption entsteht erst, wenn neue Technik im Rahmen eines neuen Geschäftsmodells oder in grundlegend gewandelten Prozessen genutzt wird. Disruptiv nutzbar sind Cyber-Physische Systeme. Zu den aktuell wichtigsten disruptiven Schlüsseltechnologien zählen wir die Künstliche Intelligenz. Sie revolutioniert aktuell beispielsweise die Produkte der Fahrzeugindustrie. Von großer Bedeutung sind aber auch die viel diskutierten Technologien für eine klimaneutrale Mobilität und Energiegewinnung. Sie führen zu einem grundlegenden Wandel ganzer Branchen.

Welche Rolle spielen Betriebsräte bei der Einführung dieser disruptiven Technologien?

Die Aufgaben der Betriebsräte sind sehr vielfältig. Es liegt in ihrem Interesse, dass Betriebe von den Chancen disruptiver Technik profitieren. Nur so lassen sich langfristig Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen sichern. Deshalb wird es für Betriebsräte wichtiger, sich für die Weiterentwicklung der betrieblichen Geschäftsmodelle einzusetzen. Zugleich schützen Betriebsräte die Beschäftigten vor möglichen negativen Folgen der Technik. Dafür benötigen sie Methoden der Folgenabschätzung und sie müssen in der Lage sein, die Planung, Erprobung und Implementierung von Technik zu begleiten. Hier wandelt sich die Rolle der Betriebsräte. Sie müssen frühzeitiger mitbestimmen und agiler und beteiligungsorientierter arbeiten als in der Vergangenheit.

Wie sehen Partizipationsmöglichkeiten der betroffenen Mitarbeitenden bei der Implementierung dieser disruptiven Technologien aus?

Hier würde ich unterscheiden, ob die Technik in den betrieblichen Prozessen verwendet wird oder in den Produkten. Werden Produkte mit neuer Technik ausgestattet, ist es ratsam, frühzeitig zusammen mit den Beschäftigten zu ermitteln, welche neuen Anforderungen an die Arbeitsorganisation, die Arbeitsleistung und die Kompetenzen damit verbunden sind. Werden hingegen Prozesse beispielsweise in der Forschung und Entwicklung oder in der Produktherstellung mit disruptiven Technologien ausgestattet, ist es zusätzlich sinnvoll, den Technikeinsatz gemeinsam mit den Beschäftigten zu planen. Auf diese Weise lassen sich die Akzeptanz und die Gebrauchstauglichkeit der Technik erhöhen. Unternehmen die das erkennen, werden die Partizipationsmöglichkeiten erhöhen.

Wie sollten die Mitarbeitenden auf die Arbeit mit diesen disruptiven Technologien vorbereitet werden?

Disruptive Technologien können Arbeitsaufgaben und Arbeitsorganisationen verändern, erworbene Kompetenzen entwerten und neue erfordern. Sie können auch Tätigkeiten ersetzen und damit Arbeitsplätze gefährden. Die möglichen Folgen technologischer Innovationen sind vielfältig. Dementsprechend vielfältig und situationsangemessen flexibel sollte auch die Vorbereitung der Beschäftigten sein. Zu empfehlen ist, frühzeitig darüber zu informieren, was auf das Personal zukommt, in der Planung Hoffnungen und Befürchtungen zu berücksichtigen und die Technik unter Einbeziehung der Beschäftigten zu entwickeln. Ziel ist, dass die Technik die Arbeitsaufgaben optimal unterstützt. Wenn das gelingt, ist schon sehr viel für die Technikakzeptanz gewonnen. Eine besondere Herausforderung liegt in der Qualifizierung, denn bei wirklich disruptiver Technik können sehr umfangreiche Maßnahmen notwendig sein.

Wie wirken sich diese disruptiven Technologien auf den Demografie-induzierten Fachkräftemangel aus?

Wenn es sich um arbeitssparende Rationalisierungstechnik handelt, kann der Fachkräftemangel reduziert werden. Dieses Argument wird von Zeit zu Zeit in den Medien wiederholt. Meist wird dabei an den Einsatz von Robotern oder Computerprogrammen gedacht. Aus meiner Sicht ist das Argument nicht aus der Luft gegriffen, doch gehe ich eher davon aus, dass disruptive Technik den Bedarf an Fachkräften erhöht. Den Grund sehe ich darin, dass mit dem technologischen Fortschritt die Kompetenzanforderungen steigen. Der Fachkräftemangel bleibt uns erhalten. Wie groß er ausfallen wird, ist unter anderem durch Innovationen im Bildungssystem beeinflussbar. Allein mit inländischen Arbeitskräften wird der Fachkräftemangel aber aller Voraussicht nach nicht zu beheben sein.

Sehen Sie Chancen, dass diese disruptiven Technologien die Partizipationsmöglichkeiten der Mitarbeitenden erhöhen?

Auf jeden Fall, aber sicher nicht in jedem Unternehmen. Schon heute werden viele KI-Anwendungen entwickelt, ohne mit den Mitarbeitenden zu reden, die einmal mit diesen Anwendungen arbeiten sollen. Das ist eine Frage der Unternehmenskultur. Es wird zwar viel über New Work und partizipative Unternehmenskulturen geredet, doch eine Kultur zu verändern, ist eine sehr langwierige Aufgabe. Positiv stimmen mich Forschungsprojekte, die zu dem Ergebnis kommen, dass autonom agierende Technik auf menschliche Aufsicht und auf menschliche Interventionen angewiesen ist. Das dazu passende Leitbild lautet: Mensch und Technik als Team. Darin stecken große Chancen für erweiterte Partizipation.

Welche konkreten Möglichkeiten bieten diese disruptiven Technologien, betriebliche Teilhabe bisher oft marginalisierter Gruppen (z. B. ältere Beschäftigte, Beschäftigte mit Beeinträchtigung etc.) zu erhöhen?

Bereits heute gibt es anwendungsreife Technik, die erlaubt, Menschen mit Beeinträchtigungen in Arbeitsprozesse zu integrieren. Fehlende Armkraft lässt ich durch Roboter ersetzen, beeinträchtigtes Hör- oder Sehvermögen lassen sich im Arbeitsprozess durch Assistenzsysteme kompensieren. Das Alter von Beschäftigten halte ich für kein grundsätzliches Problem für die Arbeit mit disruptiver Technik. Problematisch sind jedoch auch heute noch verbreitete diskriminierende Stereotype. Älteren wird pauschal und zu Unrecht fehlende Technikakzeptanz und fehlende Lernbereitschaft unterstellt. Richtig ist, dass es für viele ältere Beschäftigte spezielle Qualifizierungsprogramme geben muss. Das hat schlichtweg damit zu tun, dass die letzte umfangreiche Ausbildung häufig Jahrzehnte zurückliegt. Ein großes Problem in neuen digitalisierten Arbeitsprozessen sehe ich für Menschen mit Lernbehinderungen. Die digitalisierte Arbeitswelt geht mit zunehmenden Anforderungen an die geistige Verarbeitung von Informationen einher und sie erfordert zunehmend Multitasking und Selbstmanagement.

Welche Herausforderungen sieht die IG-Metall im Aufkommen dieser disruptiven Technologien in ihrer Rolle als betriebliche Interessenvertretungen der Beschäftigten?

Der Umgang mit disruptiver Technik lässt sich kaum im Rahmen von Tarifverträgen regeln. Entscheidend ist die Gestaltung von Technik und Arbeitsorganisation im Rahmen der betrieblichen Umsetzung. Damit sind die Beschäftigten auf entsprechende Aktivitäten von Betriebsräten angewiesen. Hier stellen wir angesichts des ohnehin schon umfangreichen Tagesgeschäfts der Mitbestimmung eine wachsende Überforderung fest: Der Einsatz disruptiver Technologien ist komplex und in seinen Folgen nur schwer vorhersehbar. Die Entwicklung, Erprobung und Modifizierung von Technik erfolgen immer schneller. Dezentrales Management führt zu einer kaum zu überschaubaren betrieblichen Landschaft der Digitalisierungsprojekte. Zudem sind Beschäftigte sehr unterschiedlich von neuer Technik betroffen und verfolgen deshalb unterschiedliche Interessen und Beteiligungsansprüche. Um hier aktiv mitzugestalten, benötigen Interessenvertretungen sehr viel an Kompetenz, Beratung, personelle Ressourcen und nicht zuletzt auch effizientere Arbeitsweisen als in der Vergangenheit. Die IG Metall unterstützt Betriebsräte dabei, Lösungen für diese Herausforderungen zu finden.

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