Kollaborative Ansätze der Kompetenzentwicklung - IT-gestützte Ansätze für selbstorganisierte Lernpfade

Heiko Matheis und Meike Tilebein

Der fortschreitende digitale Wandel verändert die Arbeits- und Produktionsumgebungen von Unternehmen. Unter diesen Rahmenbedingungen geraten die bedarfsgerechte Entwicklung und der gezielte Einsatz von Kompetenzen zu wichtigen Erfolgsfaktoren. Für den hierfür erforderlichen Kompetenzerwerb besteht ein Bedarf an neuen dezentralen und situativ adaptierbaren Lösungen, die selbstorganisierte Lernpfade und informelle Kompetenzentwicklung ermöglichen. Einzelne Ansätze zur Unterstützung derartiger Lernpfade existieren bereits und haben sich insbesondere im KMU-Umfeld der Textilwirtschaft und in deren Innovationsprozessen bewährt. Der vorliegende Beitrag stellt Herausforderungen kollaborativer Kompetenzentwicklung und Lösungsansätze für IT-gestützte selbstorganisierte Lernpfade auf verschiedenen organisationalen Ebenen dar und skizziert konkrete Umsetzungen anhand von Projektbeispielen aus der Textilwirtschaft.

Kompetenzentwicklung, und hier vor allem die selbstorganisierte Entwicklung von Kompetenzen, zu ermöglichen ist ein drängendes Thema, das zwei unterschiedliche organisationale Ebenen betrifft, die Unternehmensebene und die individuelle Ebene. Die Unternehmensebene umfasst dabei sowohl Kompetenzen zur Befähigung für interorganisationale Aktivitäten und Prozesse über Unternehmensgrenzen hinweg als auch intraorganisationale Aktivitäten und Prozesse zwischen und innerhalb von Organisationsbereichen. Die zweite, individuelle Ebene bezieht sich vornehmlich auf die individuellen Kompetenzen der Mitarbeitenden, die direkt mit Aktivitäten und Prozessen der Wertschöpfung in Zusammenhang stehen. In den letzten Jahren entstand auf dieser individuellen Ebene des Shopfloors ein hoher Anpassungsdruck auf die Beschäftigten und ihre Führungskräfte, bedingt durch den digitalen Wandel und Veränderungen der Märkte. Dabei erfordern kleine Produktionslosgrößen, kürzere Produktlebenszyklen und schnellere technologische Fortschritte eine fortwährende Anpassung individueller Kompetenzen, da bisher relevantes Wissen rasch an Wert verliert [1]. Eine umfassende Studie zum Forschungs- und Entwicklungsbedarf für Industrie 4.0 fordert vor diesem Hintergrund explizit neue Ansätze zur Kompetenzentwicklung. Veränderung der Arbeit muss ferner auch mit einer neuen Sicht auf Führungsaufgaben einhergehen. Die Studie zeigt weiterhin, dass selbstorganisierte Lernpfade und informelle Kompetenzentwicklung im industriellen Produktionsprozess zu einer Notwendigkeit werden, um relevante Kompetenzen zu erwerben [2]. Die individuelle Kompetenzentwicklung ist dabei zwar ein wertvoller Ansatz, für die anstehenden Herausforderungen wird sie alleine aber nicht ausreichen, denn in der Praxis wird die Lösung komplexer Probleme künftig häufig auch auf Zusammenarbeit und voneinander Lernen angewiesen sein. Entsprechende IT-basierte Ansätze zur Unterstützung selbstorganisierter Lernpfade durch dynamische, rollenund akteursbasierte Modelle zur kollaborativen Kompetenzentwicklung existieren bereits auf Unternehmensebene und haben sich für KMU bewährt [3]. Die erzielten Erkenntnisse lassen sich auch auf Produktionsprozesse auf der Ebene des Shopfloors übertragen.


Bild 1: SmartNet-Navigator.

Herausforderungen kollaborativer Kompetenzentwicklung

Die aktuelle Entwicklung hin zu kürzeren Produktlebenszyklen und schnellerem technologischen Fortschritt bedeutet für produzierende Unternehmen einen ständigen Innovationsbedarf. Zusätzlich fordert der Markt zunehmend individuelle Produkte und Dienstleistungen. Das Personal in den Entwicklungs- und Wertschöpfungsprozessen muss daher nicht nur mit der zunehmenden Vielfalt an kundenspezifi schen Produkten umgehen, sondern auch mit Innovationen in Produktionsprozessen und Technologien [2]. Unter diesen Bedingungen sind eine ständige Anpassung und ein ständiges Lernen unerlässlich. Auf Unternehmensebene gehört es zu den Kernaufgaben des strategischen Kompetenzmanagements, Kompetenzen zu identifi zieren, zu entwickeln und zu nutzen, um organisationales Lernen zu ermöglichen. In den zunehmend dynamischen Umfeldern gilt es, diese Aufgaben in verlässliche Routinen zu überführen. Derartige Kernkompetenzen sind wertvolle Ressourcen, die dazu beitragen können nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Darüber hinaus erfordert der ständige Innovationsbedarf in Kombination mit einer zunehmenden Komplexität von Produkten und Prozessen, dass Unternehmen auch neue Kompetenzen außerhalb ihrer Kernkompetenzen erwerben. Kompetenzentwicklung durch Lernen von anderen und die Fähigkeit, in Netzwerken zusammenzuarbeiten, können daher zum Schlüssel für erfolgreiche Innovation werden und stellen Unternehmen vor die Herausforderung, die entsprechenden Prozesse zu beherrschen. Auf der individuellen Ebene führt die Entwicklung in der Wertschöpfung hin zu immer mehr Wissensarbeit bei gleichzeitiger Abnahme von Routinetätigkeiten letztlich zu einem Szenario, in dem jeder Auftrag einzigartig ist und eine spezifi sche Prozesslösung erfordert. Etablierte Konzepte des lebenslangen Lernens sind auch in diesem Zusammenhang anwendbar. Allerdings findet diese neue Form des Lernens zunehmend nicht mehr im Rahmen von Schulungen statt, sondern direkt im Wertschöpfungsprozess. Dieser neue Ansatz, der als „Lernen auf Abruf“ bezeichnet wird, erfordert von den Lernenden nicht nur Selbstbestimmung, sondern auch Selbstregie. Der bisherige Ansatz des „Lernens im Voraus“ verliert dagegen an Bedeutung. Da sich die zu erwerbenden Kompetenzen inhaltlich und zeitlich von Individuum zu Individuum unterscheiden, bieten selbstorganisierte Lernpfade eine Lösung dafür. Technologische und methodische Unterstützung können die individuelle Kompetenzentwicklung fördern, dabei ist jedoch zu beachten, dass die angebotenen Lösungen vom Personal akzeptiert werden und zusätzlich die Motivation für situationsbezogenes Lernen am Arbeitsplatz fördern [4]. Zusätzliche Herausforderungen entstehen, wenn kollaborative Ansätze verfolgt werden, die z. B. das Teilen von Wissen oder neue Rollenmodelle erfordern.

IT-gestützte selbstorganisierte Lernpfade – Unternehmensebene

Kollaborationsnetzwerke werden bereits in großem Umfang für die Kooperation zwischen Unternehmen gebildet. Die Möglichkeit, diese interorganisationalen Netzwerke dynamisch zu gestalten, sodass Akteure zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Rollen einnehmen können, ist allerdings noch nicht so stark verbreitet. Diese dynamische Form der Zusammenarbeit könnte jedoch gerade für kleine Unternehmen mit sehr spezifischen Kompetenzen ein Erfolgsmodell sein. Die Mitarbeit in diesen Netzwerken erfordert dann von allen Beteiligten, ihre Fähigkeiten akteursspezifisch einzubringen und ihre Kompetenzen situations- und prozessspezifisch zu entwickeln.

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