Traceability für KMU - Entwicklung einer Methodik zur Auswahl eines Traceability-Systems

Nicolas Wittine, Tim Trostmann, Ana Luiza Amaral Bicalho, Christian Kern, Sigrid Wenzel und Robert Refflinghaus

Zur Rückverfolgbarkeit von Produkten werden in Großunternehmen Traceability-Systeme eingesetzt. Obwohl diese helfen, Qualitäts- und Kostenrisiken zu vermeiden, werden sie in KMU u. a. aufgrund fehlender Markttransparenz nur zögerlich eingesetzt. Folglich bedarf es einer Methodik, die es KMU ermöglicht, ihre Anforderungen mithilfe von Referenzprodukten und -prozessen zu erfassen und auf Softwarelösungen zu übertragen. Dieser Beitrag behandelt eine Methodik, die den Auswahlprozess vereinfacht und dabei die Herangehensweise zur Erstellung der Referenzprodukte und -prozesse fokussiert.

Traceability-Systeme stellen einen wichtigen Baustein in der digitalen Transformation dar, jedoch ist deren Implementierung insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oftmals geprägt durch einen Mangel an personellen und fachlichen Ressourcen [1]. Auch wenn der Wille zum digitalen Wandel vorhanden ist, stellt die Umsetzung von durchgängigen Traceability-Lösungen eine enorme Herausforderung dar. Daher ist es notwendig, mittels methodischer Unterstützung Hemmnisse bei der Auswahl und Implementierung von Traceability-Systemen insbesondere bei den KMU abzubauen. Denn nur wenn Bauteile eindeutig ihren Produktionsbedingungen zugeordnet werden können, können Fehlerursachen identifiziert oder Schadensersatzansprüche abgewehrt, respektive hinsichtlich des Ausmaßes reduziert werden; insbesondere die Einbindung in den kontinuierlichen Verbesserungsprozess verspricht hier einen Mehrwert [2].

Bezüglich ihres Aufbaus lassen sich Traceability-Systeme grundsätzlich in Hard- und Softwarekomponenten unterteilen. Die Hardwarekomponente verantwortet die Identifizierung des Bauteils. Dies kann optisch (z. B. Barcode oder Matrix-Code) durch Aufkleben oder Lasern erfolgen, aber ebenso sind Lösungen mittels Funktechnik oder Magnetstreifen denkbar. Die Softwarekomponente verantwortet die Verwaltung der anfallenden Daten und ermöglicht so das Tracking oder Tracing von Bauteilen oder Baugruppen innerhalb des eigenen Betriebs, aber auch entlang der gesamten Lieferkette [3]. Der vorliegende Beitrag fokussiert jedoch nur die Auswahl der Softwarelösung, da Traceability-Hardware aufgrund der universellen Anbindungsfähigkeit an die Software losgelöst von der Softwarelösung betrachtet werden kann [4].

Methodik zur Auswahl eines Traceability-Systems

Für eine Softwareauswahl ist es notwendig, dass die Unternehmen ihre Anforderungen über eine Beschreibung ihrer Produkte und Prozesse formulieren. Um die Anforderungsformulierung effizient und zweckorientiert zu gestalten, ist eine solche Beschreibung so zu standardisieren, dass ein einfacher Abgleich mit dem Leistungskatalog einer Softwarelösung ermöglich wird. Um dem Anwender jedoch das Ausfüllen umfangreicher Fragebögen zu ersparen, ist ein Konzept zur Standardisierung der Produkt- und Prozessbeschreibungen zweckmäßig. Sogenannte Referenzprodukte und -prozesse fassen Anforderungen einzelner Produkte und Prozesse an eine Traceability-Software zusammen und können in sogenannte Rückverfolgbarkeitsprofile überführt werden. Auf diese Weise wählt der Anwender lediglich die passende Referenz aus und das hinterlegte Rückverfolgbarkeitsprofil stellt die Basis für das anschließende Mapping der Anforderungen auf den Leistungskatalog eines Traceability-Systems dar. Die hier vorgestellte Methodik impliziert damit zunächst das Mapping von unternehmensspezifischen Produkt- und Prozessbeschreibungen auf Rückverfolgbarkeitsprofile und generiert anschließend über ein Mapping des Profils auf den Leistungskatalog einen Entscheidungsvorschlag für die Auswahl eines Traceability-Systems. Die der Methodik inhärente Datenbasis enthält dabei alle Daten, welche über die vier Grundfunktionen innerhalb der Anwendungsebene eingebunden werden (Bild 1).


Bild 1: Methodik zur Auswahl eines Traceability-Systems.
 

Der erste Arbeitsschritt innerhalb der Methodik stellt das Mapping der unternehmensspezifischen Produkt- und Prozessbeschreibung auf die aus den Referenzprodukten und -prozessen abgeleiteten Rückverfolgbarkeitsprofile dar. Über das Mapping wird dabei aus den verfügbaren Profilen das passende Rückverfolgbarkeitsprofil für das Produkt und den Prozess ausgewählt. Im Kriterien- und Anforderungskatalog sind die Zusammenhänge von Produkt- und Prozesskriterien mit den Anforderungen, die an ein Traceability-System gestellt werden können, verknüpft. Die Kriterien sind dabei Eigenschaften, die zwar eine Relevanz in Bezug auf Traceability-Systeme besitzen, jedoch keine konkrete Anforderung an eine Software darstellen. Der Übertrag dieser Kriterien in konkrete Anforderungen ist notwendig, um die Zusammenhänge darstellen und verarbeiten zu können. Die unternehmensindividuelle Anpassung des erstellten Profils über den Kriterien- und Anforderungskatalog führt dann zu einem unternehmensindividuellen Rückverfolgbarkeitsprofil. Im Vergleich zum konventionellen Vorgehen zur Softwareauswahl erleichtert dies insbesondere KMU die Formulierung von konkreten Anforderungen. Der Leistungskatalog der Traceability-Systeme enthält deren unterschiedliche Fähigkeiten und ermöglicht so das Mapping des zuvor generierten unternehmensindividuellen Rückverfolgbarkeitsprofils auf die Traceability-Systeme gemäß ihrer Leistungsfähigkeit. Auf diese Weise wird nicht nur die Marktübersicht für KMU vereinfacht, sondern es kann zudem der unternehmensindividuelle Erfüllungsgrad der eigenen Anforderungen abgeleitet werden. Der Leistungskatalog der Traceability-Systeme selbst und auch die gewichteten Kriterien des Leistungskatalogs sind das Ergebnis einer Befragung von fünf Branchenexperten. Diese ordneten die unterschiedlichen Fähigkeiten von Traceabilty-Systemen bezüglich ihrer Wichtigkeit im Kontext eines vom spezifischen Anwendungsfall losgelösten, idealen Traceability-Systems ein. Durch die Kombination des Erfüllungsgrads der Anforderungen und der gewichteten Kriterien wird die Bildung einer qualitativen Rangfolge der Traceability-Systeme möglich. Diese bildet schließlich die Grundlage des Entscheidungsvorschlags für einen Systemanbieter. Bei Bedarf kann zudem die Gewichtung der Kriterien angepasst werden.

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