Kompetenzen für die industrielle Arbeit 4.0 - Anforderungen und Status quo der Kompetenzen von Young Professionals in NRW

Swetlana Franken

Industrie 4.0 in Deutschland ist „work in progress“. Digitale Technologien wie IoT, KI, Cloud oder Big Data Analytics werden in Unternehmen vermehrt eingeführt. Allerdings stellen Mensch und Organisation, neben der Technologie, die zentralen Erfolgsfaktoren der Digitalen Transformation dar. Diese Erkenntnis trägt dazu bei, dass in vielen Industrieunternehmen Weiterbildung im Sinne des lebenslangen Lernens, agile Organisationsstrukturen und Unternehmenskultur an Bedeutung gewinnen. Studienergebnisse zu den Kompetenzanforderungen für die industrielle Arbeit 4.0 zeichnen ein Bild von erforderlichen Kompetenzen, die weit über die elementare Nutzung der Technik hinausgehen. Zusätzlich gefragt sind Eigenschaften wie Offenheit, Überblickswissen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Agilität. Bringen heutige Hochschulabsolventen als Fach- und Führungskräfte der Industrie 4.0 diese Kompetenzen mit? In diesem Beitrag werden Forschungsergebnisse zu Kompetenzanforderungen und dem Status quo bei den Young Professionals aus NRW erläutert und die damit verbundenen Konsequenzen thematisiert.

Digitale Transformation in der deutschen Industrie ist bereits weit fortgeschritten, insbesondere in größeren Unternehmen. Zu den bedeutendsten Industrie-4.0-Technologien zählen für deutsche Unternehmen vor allem Internet of Things, Künstliche Intelligenz, Cloud und Big Data Analytics. Von der digitalen Vernetzung der Produktion versprechen sich Unternehmen Umsatzsteigerungen, ein besseres Risikomanagement und Kostensenkungen [1].

Technik, Mensch und Organisation als Erfolgsfaktoren der Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist jedoch viel mehr als intelligente Vernetzung der Produktion durch digitale Technologien. Sie führt zur Disruption der Geschäftsmodelle, verändert radikal die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine und folglich die Aufgaben und Kompetenzanforderungen an die Beschäftigten. Sie krempelt die Wertschöpfungsketten, Strukturen und Prozesse der Unternehmen um und erfordert ein ganzheitliches, systematisches Change-Management, das alle Elemente eines Unternehmens als sozio-technisches System – Technik, Organisation und Mensch [2] – umfasst. Wobei der Mensch in diesem System den entscheidenden Faktor darstellt.

Neben den technischen Lösungen wird der Erfolg des digitalen Wandels maßgeblich von der Qualifikation und Motivation der Fach- und Führungskräfte sowie der Beschäftigten an der Basis bestimmt, die die Chancen und Risiken der Technologien erkennen und in der Lage und gewillt sind, die Technik anzuwenden. Dafür sind Organisationsstrukturen und -kulturen notwendig, die Agilität und Offenheit einzelner Akteure und der Gesamtorganisation steigern und fördernde Rahmenbedingungen für Change Prozesse bilden.

Laut der Deloitte Studie 2020 zeichnen sich deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich positiv aus, wenn es um die Wahrnehmung ihrer Verantwortung für den Schutz von Kundendaten, Etablierung einer partizipativen Unternehmenskultur und gezielte Förderung und Weiterbildung der Beschäftigten geht [1].

Diese Wertschätzung der Faktoren Mensch und Organisation als Träger der Digitalen Transformation wurde in den eigenen Untersuchungen der Denkfabrik Digitalisierte Arbeitswelt der FH Bielefeld für die meisten Unternehmen aus NRW bestätigt: die Themen der Weiterbildung für die Industrie 4.0 und die Gestaltung der Organisation und Unternehmenskultur hin zu mehr Agilität und Partizipation stehen ganz oben auf der Agenda des Top Managements und werden intensiv umgesetzt [3].

Eine erfolgreiche Qualifizierung und Weiterbildung beginnt mit einer Definition von zentralen Kompetenzen für die vernetzte Industrie der Zukunft.
 


Bild 1: Übersicht zu den zentralen Kompetenzanforderungen für die
Industrie 4.0 aufgrund ausgewählter Studien (in Anlehnung an [5, 7-10]).  
 

Welche Kompetenzen sind für die industrielle Arbeit 4.0 erforderlich?

Die Digitalisierung verändert die Rolle der Mitarbeitenden in der Industrieproduktion. Durch die Vernetzung von virtuellen Datenebenen mit realen Produktionsprozessen zu Cyber-Physischen Systemen (CPS), eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Organisation und Steuerung von Prozessen mit unterschiedlichen Formen der Arbeitsteilung zwischen Menschen und Maschinen. Je nachdem, wie viel Autonomie die CPS erhalten, werden die Aufgaben für die Menschen mehr oder weniger anspruchsvoll sein: Bei einem Werkzeugszenario werden Expertensysteme eine Art Werkzeuge bzw. Assistenz für qualifizierte Fachkräfte sein; im Automatisierungsszenario werden intelligente Technologien sich selbst steuern, wodurch die Gestaltungsspielräume von Fachkräften reduziert und ihre Qualifikationen abgewertet werden; bei einem Hybridszenario (das für besonders wahrscheinlich gehalten wird) wird die Entwicklung von neuen Interaktionsformen bei Steuerungs- und Kontrollaufgaben die Anforderungen an die Fachkräfte steigern [4].

Da die Industrie-4.0-Anwendungen von Unternehmen zu Unternehmen stark variieren und die Entwicklungsszenarien vielfältig sind, ist es nicht möglich, Kompetenzanforderungen an die Beschäftigten pauschal zu definieren. Je nach Gestaltungspfad der Industrie 4.0 und die Folgen für die Bereiche Arbeitsorganisation, Beschäftigung und Qualifikation benötigt jedes Unternehmen eine individualisierte Vorgehensweise. Und trotzdem sind fundierte Empfehlungen und Denken in Szenarien hilfreich, um eine maßgeschneiderte Kompetenzdefinition und -vermittlung in Betrieben zu unterstützen.

Zum Weiterlesen hier klicken