Horizontale Kollaboration im Physical Internet - Eine kritische Betrachtung

Tobias Meyer und Evi Hartmann

Um den Gütertransport ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiger zu gestalten, müssen ganzheitliche Maßnahmen gefunden werden. Das Konzept des Physical Internets bietet eine solche ganzheitliche Lösung für die Logistik und insbesondere den Gütertransport. Jedoch ist bisher noch nicht geklärt, wie die benötigte horizontale Kollaboration zwischen Logistikunternehmen der gleichen Supply Chain Ebene im Physical Internet erreicht werden kann. Die Vorteile von Kollaborationen scheinen die Bedenken hinsichtlich Vertrauen und Datensicherheit nicht aufwiegen zu können, weshalb nur wenige Unternehmen auf gemeinsame Logistikaktivitäten setzen. Stattdessen werden logistische Prozesse zunehmend wiedereingegliedert, was zu ähnlichen Strukturen führt, wie sie im Physical Internet definiert sind. Doch auch eine solche Internalisierung wirft Fragen hinsichtlich freier Marktstrukturen auf. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über horizontale Kollaboration in der Logistik und inwieweit eine Wiedereingliederung von Logistikprozessen vielleicht die einfachere Lösung zur Umsetzung des Physical Internets ist.

Frachttransporte haben einen großen Einfluss auf den Kohlenstoffdioxidgehalt in der Atmosphäre. Im Jahr 2015 summierten sich die gesamten frachtbezogenen Kohlenstoffemissionen auf 3,2 Gigatonnen (Gt) und es wird erwartet, dass dieser Wert auf 5,7 Gt im Jahr 2050 ansteigen wird [1]. Emissionen von 5,7 Gt würden dann bereits etwa 30 % einer 20 Gt Grenze aller durch menschliche Aktivitäten verursachten Emissionen in diesem Jahr ausmachen, die die IPCC setzt, um den globalen Temperaturanstieg unter 2 °C zu halten [2]. Es besteht somit ein regelrechter Zwang die Logistik nachhaltiger zu gestalten, um Klimaveränderungen und Umweltgefahren im Zusammenhang mit Kohlenstoffemissionen zu reduzieren. In der Vergangenheit wurden hierzu zahlreiche Maßnahmen vorgeschlagen, die die Güterverkehrsintensität, den Modal Split, die Fahrzeugauslastung und den Kohlenstoffgehalt der eingesetzten Energieträger betreffen. Doch nur die wenigsten Maßnahmen werden auch in der Breite in der kostengetriebenen Logistikindustrie umgesetzt und forciert. Es bedarf somit ganzheitlichen Maßnahmen und Strategien, die nicht nur auf der ökologischen Ebene, sondern auch auf der wirtschaftlichen und sozialen Ebene Vorteile generieren. Das im Jahr 2010 vorgestellte Logistikkonzept des Physical Internets soll hierfür eine Lösung bieten [3-5]. Simulationen haben gezeigt, dass das Physical Internet Transporte günstiger, schneller und insbesondere ökologisch und sozial nachhaltiger abwickeln könnte, indem es die Art und Weise, wie Güter heutzutage transportiert werden, revolutioniert [6]. Aber auch bei diesem Konzept müssen noch viele Barrieren beseitigt werden bis es ganzheitlich in der Praxis umgesetzt werden kann. Eine Barriere ist die auch unabhängig vom Physical Internet vielfach geforderte horizontale Kollaboration in der Logistik, um insbesondere die Fahrzeugauslastung zu erhöhen. Im vorliegenden Beitrag soll die horizontale Kollaboration als elementarer Bestandteil des Physical Internets kritisch betrachtet werden, um die Umsetzung des Konzepts voranzutreiben.
 


Bild 1: Kollaborationsschema im Physical Internet [9].

Was ist das Physical Internet?

Das Physical Internet hat sich die Art und Weise wie Datenpakete im digitalen Internet transportiert werden zum Vorbild für den physischen Transport von Gütern genommen [7]. Das Ziel ist es, aktuell voneinander unabhängig agierende Logistiknetzwerke zu einem globalen, interoperablen und kollaborativen Logistiknetzwerk zu verbinden [8]. So sollen alle Elemente logistischer Prozesse wie Distributionscenter, Logistikhubs und Transportmittel kollaborativ genutzt werden, um die Auslastung von Fahrzeug- und Lagerkapazitäten zu erhöhen und gleichzeitig mehr Transporte auf weniger kohlenstoffintensive Transportmittel zu überführen. Innerhalb des Physical Internets tauschen Logistikdienstleister Transportanfragen über kollaborativ genutzte Physical Internet Hubs aus, um die Füllraten von Fahrzeugen zu optimieren und Leerfahrten zu minimieren [9]. Auf diese Weise kann eine Transportanfrage jedes Mal, wenn sie an einem Hub ankommt, dem wettbewerbsfähigsten Transporteur neu zugeteilt werden, was zu einem dezentral optimierten und organisierten Transportsystem führt. In anderen Worten werden Transporte im Physical Internet immer nur von Hub zu Hub von einem Dienstleister durchgeführt und optimiert. Damit insbesondere die Zusammenarbeit zwischen den Stakeholdern in einem solchen, dezentralen System ermöglicht werden kann, sollen Transport- und Kollaborationsprotokolle sowie standardisierte Container genutzt werden. Bild 1 zeigt die Kollaborationsstrukturen im Physical Internet. Wenn man somit der Definition des Physical Internets folgt, ist es unabdingbar, dass Unternehmen, insbesondere Logistikdienstleister, ihre Geschäftstätigkeiten zu einem gewissen Grad für andere Unternehmen öf nen beziehungsweise zugänglich machen, sei es in Form von Transportdaten oder ihrem physischen Netzwerk. Die so geschaffene Kollaboration stößt auf großen Gegenwind aus der Logistikbranche und insbesondere große Logistikdienstleister mit eigenen weltweit verzweigten Logistiknetzwerken scheinen von dem Physical-Internet-Konzept in ihrem Business Model angegriff en zu werden. Dabei sind externe Kollaborationen auch in der Logistik nichts Neues.

Kollaboration in der Logistik

Externe Kollaborationen im Supply Chain Management lassen sich grob in vertikale Kollaborationen (entlang der Wertschöpfungskette) und horizontale Kollaborationen (zwischen Unternehmen auf der gleichen Supply-Chain-Ebene) unterscheiden. Insbesondere bei der horizontalen Kollaboration kommt es nicht selten vor, dass die Unternehmen in einem direkten Konkurrenzverhältnis agieren und dennoch zusammenarbeiten. Viele Logistikunternehmen haben längst ihre internen Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und besseren Nutzung von Ressourcen ausgereizt und suchen nach neuen Wegen, die Produktivität ihrer Transporte zu erhöhen. Während die vertikale Kollaboration in der Logistik bereits seit den 1990ern aktiv eingesetzt wird, sind horizontale Kollaborationen weitaus seltener und werden erst seit den letzten Jahren aktiver von Unternehmen forciert [10]. Die meisten horizontalen Kollaborationen zielen auf eine gemeinsame Erhöhung der Service-Level, Service-Qualität und Kundenzufriedenheit ab, aber werden auch, und das besonders in der Logistik, zur Kostenreduzierung, Erhöhung der Produktivität und Verbesserung der Marktposition eingegangen [11]. Die Ergebnisse sind meist Erhöhungen des Fahrzeugfüllgrads, die Reduzierung von Güter und Servicekosten, höhere Lieferfrequenzen und die Möglichkeit der Angebotsabgabe für größere Aufträge. Auch im Bereich der Nachhaltigkeit wurde das Potenzial von horizontalen Kollaborationen erkannt und als eine der effektivsten Maßnahmen zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen im Transport angesehen. Einige Beispiele belegen den Erfolg solcher Kollaborationen, wie zum Bespiel die European carrier association ASTRE, die den Austausch von Transportaufträgen zwischen unabhängigen Transporteuren ermöglicht. Andere erfolgreiche logistische Kollaborationen wurden oftmals von Produzenten getrieben, indem Materialflüsse synchronisiert wurden und man so Fracht im gleichen Fahrzeug konsolidieren konnte. Hierzu gehören bekannte Cases von Pepsico und Nestlé, Unilever und Kimberly Clark, oder Procter&Gample und Tupperware [10].

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