Nachhaltigkeitseffekte von Industrie 4.0 - Ökonomische, ökologische und soziale Aspekte

Marion Steven

Gewinnerzielung ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den langfristigen Unternehmenserfolg. Globale Probleme wie Klimawandel, Raubbau an natürlichen Ressourcen und Überbevölkerung, aber auch lokale Umweltbelastungen sowie die Betonung von sozialen Aspekten führen dazu, dass das Nachhaltigkeitsziel in der Industrie an Bedeutung gewinnt. Die Nachhaltigkeit ist bereits im Leitbild aller DAX 30-Unternehmen und bei 90 % der Fortune 500-Unternehmen als Handlungsmaxime etabliert [1]. Im vorliegenden Beitrag werden – ausgehend von einer Definition des Nachhaltigkeitsbegriffs – die Nachhaltigkeitseffekte von Industrie 4.0 in Bezug auf die drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft diskutiert [2, 3]. Das Ziel des Beitrags ist aufzuzeigen, welche positiven und negativen Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Nachhaltigkeit zu erwarten sind, um Unternehmen Ansatzpunkte für diesbezügliche Aktivitäten zu liefern.

Das Konzept der Nachhaltigkeit lässt sich für die Forstwirtschaft bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Holz war eine wichtige Ressource, die als Werkstoff sowie zum Heizen und Kochen benötigt wurde. Bei der nachhaltigen Bewirtschaftung eines Walds werden durch jährliches Nachpflanzen von jungen Bäumen die jeweiligen Entnahmen ausgeglichen, sodass der Wald dauerhaft als Einnahmequelle erhalten bleibt. Während der Nachhaltigkeitsbegriff zunächst einen ökonomischen Schwerpunkt aufweist, wird er später um die ökologische und die soziale Dimension erweitert [4].
 

Nachhaltigkeitsbegriff


Bild 1: Aspekte nachhaltiger Unternehmensführung [2].

Bild 1 zeigt, welche Handlungsfelder einer nachhaltigen Unternehmensführung sich in Anlehnung an [5] aus den drei Nachhaltigkeitsdimensionen ergeben.

Nach dem Ansatz der Triple Bottom Line [6] soll eine gleichmäßige Entwicklung der Nachhaltigkeit in allen drei Dimensionen erfolgen. Falls ein deutliches Ungleichgewicht besteht, sollte sich eine Gesellschaft bzw. ein Unternehmen zunächst auf den Bereich konzentrieren, in dem das geringste Nachhaltigkeitsniveau vorliegt.
 

Grundlagen der ökonomischen Nachhaltigkeit

Ökonomische Nachhaltigkeit ist im marktwirtschaftlichen System die finanzielle Grundlage für die beiden anderen Nachhaltigkeitsdimensionen. Ein Unternehmen muss mit seinem Leistungsangebot die Mittel erwirtschaften, um Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen und sozialen Performance zu finanzieren [4].

Nachhaltiges Wirtschaften orientiert sich nicht an kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern am langfristigen Unternehmenserfolg. Durch eine ökonomisch nachhaltige Unternehmens- entwicklung werden zukünftige Erfolgspotenziale aufgebaut, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und seine langfristige Existenz als Quelle zur Erzielung von Einkommen für Arbeitnehmer und Anteilseigner zu sichern. Dies erfordert Innovationen bei Produkten und Prozessen, Weiterbildung von Mitarbeitern, Marketingaktivitäten zum Aufbau von Markenpersönlichkeiten sowie Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen.

Zur Beurteilung der ökonomischen Nachhaltigkeit werden Kennzahlen herangezogen, die sich aus dem Jahresabschluss ableiten lassen:
• Erfolgskennzahlen, z. B. ROI
• Eigenkapitalquote
• Investitionsquote
• FuE-Ausgaben
• Fertigungstiefe
• Arbeitsproduktivität
• absolute und relative Marktanteile
 

Industrie 4.0 und ökonomische Nachhaltigkeit

Industrie 4.0 verändert die industrielle Produktion durch den verstärkten Einsatz von hochentwickelten Informations- und Kommunikationstechniken, der zu einer umfassenden Digitalisierung von Produktions- und Logistikprozessen führt. Objekte wie Maschinen, Werkzeuge, Werkstücke, Fahrzeuge usw. werden über das Internet der Dinge und Dienste innerhalb eines komplexen Wertschöpfungsnetzwerks in Echtzeit miteinander verknüpft und ermöglichen eine kundenindividuelle Produktion [7].

Der Einstieg in Industrie 4.0 ist eine zukunftsorientierte Maßnahme. Es wird erwartet, dass sich Forschungsaktivitäten und Investitionen in Industrie 4.0 positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Durch die Kooperation in Industrie 4.0-Netzwerken sinkt die Fertigungstiefe [8]. Unternehmen, die sich den Entwicklungen in den Bereichen Digitalisierung, Vernetzung und Virtualisierung verweigern, können langfristig ihre Existenz gefährden. Einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von Industrie 4.0 gibt [9].

Durch die Individualisierung von Produkten in Industrie 4.0 lassen sich spezielle Kundenwünsche befriedigen, für die eine höhere Preisbereitschaft besteht, sodass Umsatz und Deckungsbeitrag und damit auch Marktanteile und der Unternehmenserfolg steigen. Weiter weisen Industrie 4.0-Anlagen eine höhere Produktivität auf, sodass die Effizienz steigt und die Kosten sinken. Da die genannten Kennzahlen durch Investitionen in Industrie 4.0 positiv beeinflusst werden, ist die ökonomische Nachhaltigkeit von Industrie 4.0 positiv zu beurteilen.

Letztlich ist die ökonomische Nachhaltigkeit eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Unternehmenserfolg. Werden die ökologische und soziale Nachhaltigkeit vernachlässigt, lässt sich auch bei ökonomisch nachhaltiger Geschäftstätigkeit keine dauerhafte Unternehmensexistenz sicherstellen.
 

Grundlagen der ökologischen Nachhaltigkeit

Im Mittelpunkt der ökologischen Nachhaltigkeit steht der Umgang eines Unternehmens mit den natürlichen Ressourcen, der sich wie folgt operationalisieren lässt.
• Ressourceneffizienz: Verbesserungen der Produktionsprozesse reduzieren den erforderlichen Materialeinsatz. Dies ist bei knappen Ressourcen wie Metallen und fossilen Brennstoffen von großer Bedeutung.
• Energieeffizienz: Effiziente Maschinen reduzieren den Verbrauch an fossilen Energieträgern und verringern den CO2-Ausstoß.
• Abfallmanagement: Unternehmen sind verpflichtet, regelmäßig Abfallwirtschaftskonzepte zu erstellen, in denen der Umgang mit Abfällen in Abhängigkeit von ihrer Gefahrenklasse dokumentiert wird.
• Produktverantwortung: Ein Unternehmen muss während des gesamten Produktlebenszyklus Verantwortung übernehmen, von den Emissionen während der Nutzungsphase bis zur umweltverträglichen Entsorgung der Produkte. Bei vielen Produkten, wie PKW, Batterien, Elektrogeräten und Verpackungen, bestehen Rücknahmeverpflichtungen.

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