Corporate Digital Responsibility - Freiwillige Selbstverpflichtung als Chance und Notwendigkeit in einer digitalen Welt

Ellena Werning

Daten gelten als „neues Gold“ oder „Öl des 21. Jahrhunderts“. Big Data und darauf aufbauende künstliche Intelligenz (KI) ermöglichen uns Optimierungen bestehender Prozesse in Unternehmen sowie die Entwicklung neuer, disruptiver Geschäftsmodelle. Durch die technologischen Innovationen profitieren Verbraucher, Unternehmen, die Gesellschaft und auch die Umwelt. Doch den unbestrittenen Vorteilen und Chancen der Digitalisierung stehen Risiken des Missbrauchs von Daten, ethische Grundsatzfragen und die Gefahr von Rebound-Effekten gegenüber. Die zunehmenden, weltweiten Verflechtungen der Wirtschaft machen reine nationalstaatliche Regelungen unmöglich. Unternehmen sind daher gefragt, die Digitalisierung gleich von Beginn an auf Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung nachhaltig zu gestalten.

Ziel einer Corporate Digital Responsibility ist es, sich als Unternehmen der Konsequenzen der Digitalisierung für Kunden, Mitarbeiter, Geschäftspartner, die Gesellschaft im Allgemeinen und auch in Bezug auf unsere Umwelt bewusst zu werden. Unternehmen sind gefragt, ihren individuellen Beitrag zur digitalen Nachhaltigkeit zu definieren. Die Übernahme der Verantwortung kann in Form von Leitlinien, der Integration der Werte in die Compliance Richtlinien oder auch konkrete Maßnahmen signalisiert und intern wie extern kommuniziert werden. Gerade das Signal der Übernahme von Veranwortung in einer digitalen Welt, in der die Angst vor Datenmissbrauch täglich präsent ist, kann bei Verbrauchern zu einem Vertrauensgewinn führen. Genau dies kann bereits jetzt und vor allem zukünftig zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber Mitbewerbern aus weniger datensensiblen Staaten führen. Um zukünftig auch weiter die Bevölkerung an den Erfolgen der Digitalisierung teilhaben lassen zu können und Akzeptanz für neue Technologien zu erhalten, stellt die Corporate Digital Responsibility einen wesentlichen Baustein der Digitalisierung dar.
 

Digitalisierung als Notwendigkeit einer zukunftsfähigen Gesellschaft


Bild 1: Einordnung der Corporate Digital Responsibility.

Die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung von Unternehmen, Dingen und Menschen untereinander und miteinander stellt eine industriell und gesellschaftlich tiefgreifende Veränderung dar. Die Liste der Vorteile durch die Digitalisierung für Unternehmen, die Gesellschaft und sogar die Umwelt ist lang. Aus unternehmerischer Sicht können Prozesse optimiert, beschleunigt und individualisiert werden und Ausschuss verringert werden. Predictive Maintenance macht die vorausschauende Wartung von technischen Geräten möglich und verhindert so Ausfälle oder gar Schäden. Durch Kosteneinsparungen können Preise von Produkten oder Dienstleistungen fallen, was wiederum zu einem steigenden Konsum oder einer erhöhten Nachfrage führen kann. Die Digitalisierung leistet zudem wesentliche Unterstützung für den Menschen. Assistenzsysteme geben präzise Anleitungen wie Arbeiten ausgeführt werden können und reduzieren körperliche Belastungen. Routineaufgaben werden zunehmend von Robotern erledigt und ermöglichen es den Menschen, sich auf andere Tätigkeiten zu konzentrieren. In der Pflege zum Beispiel kann die Abnahme von Verwaltungsaufgaben oder die Ausgabe von Medikamenten und Essen durch intelligente Systeme unterstützt werden, was dazu führen kann, dass Pflegekräfte sich zukünftig wieder mehr auf die Menschen konzentrieren können. In der Medizin führt der Einsatz Künstlicher Intelligenz zu schnellerer und besserer Diagnostik von Krankheiten bei einem Patienten. Telemedizin erhöht die Versorgungssicherheit in ländlichen Räumen.

Ökologisch gesehen führt der Einsatz neuer Technologien zu einer Verbesserung und Optimierung der Energieversorgung, was einerseits ein wesentliches Instrument im Kampf gegen den Klimawandel darstellt aber auch Kosteneinsparungen für Unternehmen implizieren kann. Auch kann die Analyse von Geodaten zur vorzeitigen Vorhersage von Naturkatastrophen genutzt werden.

Unter dem Schlagwort Arbeit 4.0 wird der Vorteil thematisiert, dass die Digitalisierung raum- und zeitunabhängiges Arbeiten und Lernen ermöglicht und somit zu einer Verbesserung der Vereinbarkeit zwischen Familie, Beruf und sonstigen Interessen führt. Des Weiteren ermöglichen Übersetzungsassistenten oder auch Assistenzsysteme für Menschen mit Behinderung die einfachere Integration bisher benachteiligter Personengruppen in den Arbeitsmarkt [1].
 

Risiken der Digitalisierung

Ebenso umfassend wie die Vorteile werden jedoch auch die Nachteile oder Risiken der Digitalisierung Effekte thematisiert. Hervorgehoben werden an dieser Stelle vor allem so genannte Rebound-Effekte. Diese beschreiben den Zusammenhang zwischen einer Mehrnachfrage oder Konsumsteigerung durch Effizienzeinsparungen [2]. Digitalen Lösungen wird laut dem Bericht der Global-eSustainability-Initiative das Potenzial zugeschrieben, die Treibhausgasemissionen um bis zu 20 % bis 2030 zu reduzieren [3]. Zwar wird die Energieeffizienz von technischen Geräten insbesondere Mobiltelefonen immer besser, durch die zunehmende Nutzung digitaler Angebote wie auch das Streaming von Musik oder Filmen wird jedoch letztlich immer mehr Energie verbraucht. Ebenso steigt durch die Möglichkeit, jederzeit online Einkäufe tätigen zu können, der Konsum und damit auch der Einsatz von Ressourcen. Der positive Effekt auf die Umwelt wird damit konterkariert [4].

Durch die Digitalisierung und die damit einhergehenden Technologien VR- oder Augmented Reality, Sensoren, RFID Chips sowie Cloudlösungen entstehen, wie oben gezeigt, Innovationen oder auch neue Geschäftsmodelle. Sowohl die Entwicklung neuer Produkt- oder Dienstleistungslösungen als auch neuer Geschäftsmodelle basiert dabei auf Daten. Die steigende Menge an Daten geht mit immer größeren Anforderungen an die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Daten einher. Für zukünftige Entwicklungen wie das autonome Fahren ist dies eine essenzielle Voraussetzung. Neben den Auswirkungen auf den Energieverbrauch wird die Wirtschaft dabei zunehmend abhängig von großen Plattforman bietern wie Amazon, Google oder Microsoft, die sich den europäischen Anforderungen an Datenschutz entziehen [5].

Des Weiteren kritisch zu sehen ist, dass Verbrauchern zunehmend die Wahlmöglichkeiten hinsichtlich der Freigabe von Daten entzogen wird. Viele kostenlose Dienste können nur dann genutzt werden, wenn Verbraucher einer weitreichenden Verwendung ihrer Daten zustimmen. Deutlich wird: Verbraucher zahlen mit ihren Daten, ohne dass eine hinreichende Transparenz existiert, wo diese Daten gespeichert werden und wie sie ggf. verwendet werden. Dies würde eine intensive Auseinandersetzung mit häufig langen AGBs erfordern, welche laut Studien nicht erfolgt. Hier besteht die Gefahr eines Datenmissbrauchs durch Alternativlosigkeit der Verbraucher [6].

Auch die neue Arbeitswelt birgt neben den genannten Vorteilen ebenso Risiken. Das mobile Arbeiten, die zunehmende Anzahl von Freelancern oder Clickworkern in Verbindung mit starren Sozialversicherungssystemen und fehlenden Standards der Vergütung, führen zu neuen Formen von prekären Arbeitsverhältnissen, in denen jeglicher Arbeitsschutz und die spätere soziale Absicherung fehlt [7]. Zudem kann nicht jeder in der Gesellschaft gleichermaßen von der Digitalisierung profitieren. Voraussetzung für die Teilhabe an den Vorteilen der Digitalisierung ist ein barrierefreier und kostenfreier Zugang zum Internet. Nicht zuletzt führt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und darauf basierende maschinengestützte Entscheidungen zu ethischen Fragen, hinsichtlich der Grenzen von Entscheidungen oder der Grenzen der Auswertung und Nutzung bestimmter Daten [8].

Zum Weiterlesen hier klicken