Einfluss der Industrie 4.0 auf ausgewählte Kompetenz- und Rollenprofile - Entwicklungen von Berufsbildern unter besonderer Berücksichtigung von IT-Kompetenzen

Christin Schumacher, Hendrik Lager, Philipp Regelmann, Jan Winkels und Julian Graefenstein

Ausgehend von der Gegenüberstellung der Entwicklung von Wissens-, Kompetenz- und Rollenprofilen operativer und strategischer Beschäftigtengruppen im Zuge der Industrie 4.0 von Lager u. a. [1] soll die Rolle des überschneidenden Schwerpunkts IT näher untersucht und die Gegenüberstellung auf die taktische Ebene am Beispiel der Produktionsplanung ausgeweitet werden. Dabei werden Auswirkungen des Bedarfs verstärkter IT-Kompetenz in allen Bereichen produzierender Unternehmen auf die Aufweichung von aktuellen Rollenprofilgrenzen dargestellt.

Rollentendenzen der IT in der Industrie 4.0

Durch die steigende Bedeutung von Aspekten wie Vernetzung, Sensorik oder Datenmanagement kommt der IT im Rahmen der Industrie 4.0 eine zentrale Bedeutung zu. Dadurch ändert sich vor allem die Wahrnehmung der IT durch die anderen Rollenprofile. Während sie lange als Kostenfaktor angesehen wurde, sind ihre Beiträge zum Gesamterfolg eines Unternehmens nun direkt wahrnehmbar. Somit steigt auch das Bewusstsein dafür, dass eine tiefgreifende Einbindung der IT in Entscheidungsprozesse nicht nur vorteilhaft, sondern fast unumgänglich ist [2]. Die informationstechnischen Aufgaben und Herausforderungen im Unternehmen gliedern sich dabei in folgende drei Bereiche auf [2]:
Produkt-IT
Informationstechnische Lösungen, welche innerhalb des fertigen Produkts zum Einsatz kommen (z. B. vernetztes Auto) SmartFactory-IT-Lösungen, welche im erweiterten Kontext einer Produktion oder eines Produkts verwendet werden (vernetzte Produktionsmaschinen, die Daten an ERP- oder MES-Systeme liefern) Business Support-IT-Lösungen zur Prozessunterstützung, wie bspw. ein Auftragsmanagement-Tool oder ein automatisiertes Reporting im Controlling.
Dieser Beitrag konzentriert sich hauptsächlich auf die Analyse des Bereichs der „Business Support-IT“, in dem sich die IT durch die Bereitstellung von Softwarelösungen zur Gewinnung von Kennzahlen und Prozessparametern auf der strategischen und taktischen Ebene einbringen kann. So entstehen bspw. Schnittstellen zwischen IT und Produktionsplanung.
Die Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen verlangt von der IT tiefgreifende Kenntnisse über zugrundliegende Geschäftsmodelle [2]. Jedoch nicht nur die IT muss sich in Prozesse anderer Abteilungen einarbeiten, um die Vernetzung und gute Datennutzung im Rahmen der Industrie 4.0 zu gewährleisten. Auch andere Rollenprofile werden sich innerhalb dieser Entwicklung Veränderungen unterziehen müssen. Lager u. a. [1] legten den Fokus auf überschneidende Kompetenzbedarfe von Produktionsbeschäftigten und Controllingmitarbeitern im Zuge der Industrie 4.0. Bild 1 fasst die finalen Erkenntnisse zusammen und dient als Ausgangssituation für diesen Beitrag. Bild 1 folgend kann sowohl für die operative als auch die strategische Ebene eine steigende Bedeutung der Analysefähigkeit und der IT-Kompetenzen im Zuge der Industrie 4.0 konstatiert werden. Eine Betrachtung der taktischen Ebene bleibt indes aus.
Diese Lücke zum Anlass nehmend widmet sich der vorliegende Beitrag im Folgenden der Berufsgruppe der Produktionsplaner. Ziel dieses Beitrags ist es zu klären, ob eine steigende IT-Kompetenz und Analysefähigkeit im Kontext der Industrie 4.0 auch für den Produktionsplaner konstatiert werden kann. Da es sich bei der Industrie 4.0 um ein aktuelles und recht junges Forschungsfeld handelt [3], verfolgt der Beitrag ein hypothesengenerierendes Erkenntnisinteresse. Im Gegensatz zum vorherigen Beitrag von Lager u. a. [1] wird ergänzend zum bestehenden Literaturkanon, wie bei explorativen Studien durchaus üblich, auf qualitativ-empirisches Datenmaterial zurückgegriffen [4].
Zuerst werden klassische Kompetenzbedarfe des Produktionsplaners aufgezeigt und prognostizierte Veränderungen anhand des in Dortmund entwickelten Managementmodells der Industrie 4.0 beschrieben. Darauf folgen Erkenntnisse einer qualitativen Erhebung. Abschließend werden am konkreten Beispiel von Maschinenbelegungsplanungsalgorithmen Zukunftsperspektiven für die Veränderung der Maschinenbelegungsplanung – einer zentralen Aufgabe von Produktionsplanern – im Zuge der Industrie 4.0 aufgezeigt. Der vorliegende Beitrag endet mit einem Fazit und Ausblick.


Bild 1: Gegenüberstellung von Anforderungen der strategischen und
operativen Ebene im Zuge der Industrie 4.0 [1].

Kompetenzveränderungsbedarfe in der Produktionsplanung

Mit dem sukzessiven Einzug digitaler Technologien in Unternehmen wandeln sich auch die Rollen- und Kompetenzanforderungen von Produktionsplanern [5]. Werden klassische Rollenprofile des Produktionsplaners betrachtet, werden schnell kurzzyklische planerische Tätigkeiten sichtbar, die sich zwischen einer operativen und taktischen Ebene des Planungshorizonts bewegen. Es werden verschiedenste Daten und Informationen sowohl aus Bereichen des Managements als auch vom Shopfloor gesammelt und verarbeitet, um entsprechend den vorgegebenen Unternehmenszielen die nächsten Schritte innerhalb der Produktion planen und umsetzen zu können. Diese Beschaffung und Verarbeitung von Daten ist in einem klassischen, nicht Industrie 4.0 aufgestellten Betrieb mühselig. Für einzelne Bereiche wie die Produktionsplanung, das strategische Management oder die einzelnen Fachabteilungen auf dem Shopfloor wurden oft Insellösungen geschaffen. Es herrscht ein Silo-Denken, welches im Zuge der vierten industriellen Revolution als Hindernis im Weg steht [6].
Das in Dortmund entwickelte Managementmodell der Industrie 4.0 adressiert dieses Problem und macht deutlich, wie abteilungs- und disziplinübergreifend insbesondere in der Planung einzelne Bereiche miteinander interagieren müssen, um die Industrie 4.0 meistern und managen zu können [7]. Daten können aufgrund der technologischen Aufwertung der Maschinen automatisiert gesammelt und aufbereitet werden, sodass diese sofort in MES- und ERP-Systemen zur weiteren Nutzung für alle Bereiche zur Verfügung stehen. Auch der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Maschinen selbst wird ermöglicht, wodurch der Produktionsplaner verstärkt auf digitaler Ebene mit den Maschinen kommunizieren kann, um den Produktionsablauf zu organisieren. Produktionsmitarbeiter können zudem durch „wearables“ und andere Smart Devices dazu befähigt werden, intuitiver mit den Maschinen zu interagieren als zuvor [7]. Damit allerdings der Produktionsplaner weg von seiner klassischen Tätigkeit hin zum digital agierenden Produktionsmanager qualifiziert werden kann, müssen insbesondere IT-Aspekte Einzug im Rollenprofil des Produktionsplaners finden [8].

Dazu ist es notwendig, Expertise aus anderen bisher abgetrennten Bereichen, den angesprochenen Silos, aufzugreifen und die eigenen Kompetenzgrenzen zu erweitern, damit ein breites Verständnis den Produktionsplaner dazu befähigt, die Potenziale, die im Zuge der Industrie 4.0 versprochen werden, auch nutzen zu können. Insbesondere Kenntnisse aus den Bereichen SmartFactory-IT und Business Support-IT müssen verstärkt ausgebaut werden, damit der Planer in der Lage ist, die Technologie einzusetzen, um die damit einhergehenden Wertschöpfungspotenziale heben zu können. Damit ist der Mitarbeiter nicht nur breiter aufgestellt und kann auf Änderungen, die die Produktion betreffen flexibler reagieren, sondern er kann sich auch verstärkt den management- und wertschöpfungsorientierteren Tätigkeiten widmen [9]. Die anfangs angesprochene Notwendigkeit der Informationsbeschaffung und aufbereitung wird bspw. auf ein Minimum reduziert. Erste Anzeichen hin zu dieser Entwicklung können auch im Rahmen der im Folgenden beschriebenen qualitativen Studie beobachtet werden. Bei der Darstellung der folgenden empirischen Ergebnisse handelt es sich um eine Veröffentlichung von Teilergebnissen aus dem Promotionsprojekt von Hendrik Lager.

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