Prozessmodell für das Auslaufmanagement - Steuerung von Serienausläufen in der Investitionsgüterindustrie unter Berücksichtigung der Variantenvielfalt

Johannes Nehen, Stefan Treber und Gisela Lanza

Durch die Möglichkeiten des weltweiten Handels und eine zunehmende Sättigung der Märkte stehen viele Unternehmen in einem starken Wettbewerb. Der Wunsch der Kunden nach individualisierten Produkten erfordert eine Produktion, die einen hohen Grad an Flexibilität aufweist und Variantenreichtum beherrscht. Mit einer steigenden Anzahl der Produktanläufe und einer Verkürzung der Produktlebenszyklen wächst auch die Zahl der Produktausläufe. Diese sollten unter Berücksichtigung der Kosten und möglicher Verbesserungspotenziale in der Produktion gesteuert werden. In diesem Beitrag wird ein Prozessmodell zur Unterstützung eines Serienauslaufs vorgestellt. Die Veränderung der Kundenbedürfnisse tritt nicht nur auf Konsumgütermärkten sondern auch auf Märkten von Investitionsgütern auf. Betrachtungsgegenstand ist deswegen ein Produktauslauf in der Nutzfahrzeugindustrie.

Industrieunternehmen, welche Kunden stets innovative und angepasste Produkte durch neue Produktvarianten anbieten möchten, sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, alte Varianten aus ihrem Angebot und der Produktion zu entfernen. Dabei müssen Gefahren, wie ein Anstieg der Stückkosten, starre Logistikprozesse und hohe Restbestände berücksichtigt werden. Zusätzliche Anforderungen wie beispielsweise die Gewährleistung der Ersatzteilversorgung sind zu beachten. Die Planung und Steuerung von Produktausläufen aus der Serienproduktion wird von Industrieunternehmen als Möglichkeit zur Vermeidung von Kosten gesehen. Kosten können während des Auslaufs  in Form von Lagerhaltungs-, Produktionsstörungs- oder Planungskosten und nach dem Auslauf in Form von Rückbau- oder Verschrottungskosten auftreten [1]. Um die Kosten des Produktauslaufs gering zu halten ist ein gut gesteuerter Auslauf notwendig. Dem Auslauf muss analog zur Anlaufsteuerung besondere Aufmerksamkeit beigemessen werden. Allerdings steht der Auslauf im Vergleich zum Produktanlauf bisher nur selten im wissenschaftlichen und praktischen Fokus [2]. Investitionsgütermärkte sind für das Auslaufmanagement interessant, da ihre Produzenten den spezifi schen Wünschen ihrer
Kunden nachkommen und Produkte individuell anpassen [3]. Ein Prozessmodell, das den Serienauslauslauf eines Investitionsgüterherstellers unterstützt, wird im Folgenden vorgestellt.
 

Grundlagen des Serienauslaufs

Für den Auslauf von Produkten existieren verschiedene Defi nitionen. Sie unterscheiden sich grundsätzlich hinsichtlich des Zeitintervalls, des Lebenszyklusabschnitts, des betrachteten Objekts, des Umfangs und einer möglichen Nachserienversorgung im Ersatzteilwesen. Für diesen Beitrag ist ein Serienauslauf einer Baureihe Betrachtungsgegenstand. Planungsaktivitäten sowie der Umgang mit Produktionsmitteln und Teilen werden berücksichtigt. Die Beseitigung des gesamten Produkts, aller Vormaterialien und der nur dafür benötigten Betriebsmittel aus der Produktion sowie die Anpassung aller beteiligten Prozesse unter Gewährleistung der Ersatzteilversorgung werden miteinbezogen. Dafür sind teilweise im Voraus aber auch parallel entsprechende Planungen und Steuerungen vorzunehmen. Diese Tätigkeiten werden im Begriff  Auslaufmanagement zusammengefasst. Der Auslaufzeitpunkt entspricht dem End of Production, der letzten Fertigung eines Produkts in der Serienproduktion. Auf dem Gebiet des Auslaufmanagements existieren Publikationen mit unterschiedlichen Betrachtungsumfängen. Einige behandeln Unterschiede in den Auslauftypen, wie beispielsweise die Differenzierung betroffener Teileumfänge [4, 5]. Andere Autoren identifizieren Teilprozesse oder einzelne Aktivitäten [6-11]. Weitere Autoren definieren Aspekte eines spezifischen Falls oder allgemeingültige Auslaufprinzipien [12, 13]. Insgesamt fehlen jedoch ganzheitliche Vorgehensweisen und Handlungsleitfäden zur Steuerung des Auslaufs mit Betrachtung umfassender und anwendbarer Methoden. Aus diesem Grund wird nachfolgend ein Prozessmodell zur Steuerung eines Serienauslaufs vorgestellt, welches aus verschiedenen Themenblöcken und Aufgaben zur Strukturierung des Auslaufs besteht und einfach auf spezifische Anwendungsfälle adaptiert werden.
 


Bild 1: Zeitliche Strukturierung der Themenblöcke des Auslaufprozesses mit inbegriffenen Aktivitäten.

Sechs Themenblöcke bilden den Auslaufprozess

Zur Entwicklung des Prozessmodells wurden mithilfe von Experteninterviews Informationen erhoben, wie der Auslauf bei unterschiedlichen Investitionsgüterherstellern  aus den Bereichen land- und forstwirtschaftlichen Maschinen, Druckereimaschinen sowie Personenkraftwagen und Nutzkraftwagen geplant und gesteuert wird. Anhand der halbstandardisierten Interviews wurde ein Prozessmodell aufgestellt, welches den allgemeinen Fall abbildet und zusätzlich auf Besonderheiten einzelner Unternehmen hinweist. Dabei sind Vor- und Nachteile der einzelnen Vorgehensweisen für den jeweiligen Anwendungsfall beschrieben, sodass der Anwender das Modell anpassen kann. Das Prozessmodell ist in sechs Themenblöcke
gegliedert, welche in sich geschlossene Aktivitäten beinhalten. Aktivitäten besitzen eine verantwortliche Rolle und eventuell weitere Beteiligte. Jede Aktivität kann ein- und ausgehende Größen besitzen, wie beispielsweise einen Terminplan oder eine Teileliste. Die Themenblöcke bestehen aus zwei bis zehn Aktivitäten, denen wiederum bis zu fünf Eingangs- und Ausgangsgrößen zugeordnet sind. Die Unterteilung wurde gewählt, um den Anwendern des Modells neben der zeitlichen Einteilung eine inhaltliche Struktur zu geben. Beispielsweise werden organisatorische Aktivitäten von Vertriebsaktivitäten und dokumentationsbezogene von produktionsspezifischen Aktivitäten abgegrenzt um den mehrere Monate dauernden Prozess übersichtlicher zu gestalten. Insgesamt ist das Prozessmodell als erweiterte Ereignisgesteuerte Prozesskette modelliert, die von der Auslaufentscheidung bis zum End of Service reicht. Die Themenblöcke werden im Folgenden eingeführt und sind in Bild 1 dargestellt.

Zum Weiterlesen klicken Sie hier

 

Schlüsselwörter:

Auslaufmanagement, Aussteuerung, Produktionseinstellung